Konjunkturprogramme auf falschen Wegen

2008-12-15

Mehr Steuergelder in die Krise, so das Credo der Wirtschaftsmanager und auf deren Druck auch der Politiker. Letztere haben das selbständige Denken schon lange aufgegeben und sie haben vergessen, wem sie ihren Job eigentlich verdanken.

Krisen sind aber auch immer Warnsignale dafür, dass etwas nicht so weiter gehen kann wie bisher. Das gilt jedenfalls in der Individualpsychologie. Mehr Geld und finanzielle Sicherheiten in die Wirtschafts- und Finanzkrise zu pumpen ist, als würde jemand seine Probleme mit Alkohol lösen.

Die Lösung wäre nur Umdenken. Denn irgendwie ist der reiche Teil der Menschheit am Ende der Konsumleiter angekommen. Äußere Grenzen setzen Ressourcenmangel, Umweltzerstörung und Klimaänderung.

Warum zum Beispiel sollte man ausgerechnet jetzt Autos kaufen, nur um ein paar Euro Steuern zu sparen, wenn viele Autohersteller vor der Pleite stehen. Wer heute ein neues Auto kauft, weiß ja nicht, ob er in einem halben Jahr noch Ersatzteile dafür bekommt.

Auch alle Jahre wieder ein neues Mobiltelefon anzuschaffen ist für viele Konsumenten inzwischen nicht mehr erstrebenswert, selbst wenn es immer mehr Features und Spielerein bietet. Denn mehr als telefonieren wollen die meisten ja nicht.

Mehr Energie wird in Zukunft wohl ebenfalls nicht verbraucht. Denn die wird immer teurer und die Menschen immer sparsamer, indem sie Energiesparmaßnahmen umsetzen.

Es geht also darum, einen echten Systemwechsel einzuführen, Abschied zu nehmen von Wachstum und Kapitalismus, von der Globalisierung und damit von der Zerstörung der Lebensgrundlagen.

Da Wachstum, Kapitalismus und Globalisierung zunehmend religiösen Charakter haben, dürfte das allerdings schwer werden. Vor Allem, weil es keine echten Gegenentwürfe gibt. Selbst der Protestantismus konnte den Katholizismus nicht überwinden, der Sekularismus nicht den Protestantismus.

Dennoch ist es an der Zeit, neue Visionen für nachhaltige Wirtschaftsweisen ohne Wachstumsdogma auszuprobieren, durchaus auch mit Anleihen bei Marx und Engels.


Senioren

2008-08-09

In  der Bahn von M. nach B. schoss mir plötzlich ein Bild durch den Kopf, auf dem ich die Zukunft des überalterten Deutschlands sah.

Zwischen M. und K., dem Umsteigebahnhof für den Zug nach B., wanderte ich durch den Zug hinüber in die zweite Klasse bis zum Ende und wieder zurück. Es ist Sonntag Mittag und der Zug unerwartet voll für diese Zeit – in der ersten genauso wie in der zweiten Klasse. Auch der Speisewagen und das Bistro sind voll. In der Mehrzahl sind die Fahrgäste weiblich.

Drüben, in der zweiten Klasse, drängen sich Jugendliche, Mütter und Kinder. Kinderkarren, Plastiktüten und Rucksäcke, aus denen Windeln oder Kuscheltiere herausschauen, machen das Durchkommen etwas schwierig, Es ist laut. In der Tat, keine Arbeitsumgebung für mich. Babys schreien, Kinder lachen und toben durch den Gang, Jugendliche kichern und Mütter locken ihre Kinder mit Obst und Süßwerk oder lesen laut vor. Es ist schmuddelig. Aber hier ist das Leben, die Zukunft.

Zurück in der ersten Klasse, lässt die gediegene Stille zunächst aufatmen. Arbeitsatmosphäre. Doch dann kriecht langsam der Geruch nach ungewaschenen, greisen Körpern, vermischt mit aufdringlich billigem Parfüm, langsam die Nase hoch und ins Bewusstsein. Die Speiseröhre verkrampft sich zu einem leichten Würgen.

Die Hälfte der Passagiere, deren Alter zwischen 60 und 90 liegen mag, döst vor sich hin. Seniorenbeige herrscht vor, die runzligen Hälse und Arme der Frauen mit Goldschmuck behängt. Teure Kostüme, aufwendige Frisuren, teuer, aber dennoch billig erscheinend. Die Männer einfacher: Kombinationen aus Sakko und Bügelfaltenhosen in allen möglichen Kombinationen und Nuancen von Braun bis Beige. Nur die schräg gestreiften Einheitskrawatten neigen zu Blautönen.

Die meisten dösen vor sich hin, einige mit offenem Mund, aus dessen Tiefe geräuschvoll der Atem über kunstweiße, kukidentblinkende Zahnprothesen oder schwarzgeränderte, beige Stiftzähne über die schlaffen Lippen weht.

Einige versuchen sich zu unterhalten, soweit man das stoßweise Krächzen und Gurgeln, das sich ab und zu hören lässt, als solches bezeichnen kann. Zwei, drei Mal werden Sätze wiederholt, weil das schwerhörige Gegenüber immer nur mit „Wie?“ antwortet. Sätze, die Krankheiten beklagen, von Verstorbenen erzählen, oder ungewöhnliche Vorgänge im Körper – meist im Magen oder Darm – mitteilen.

Gewiss, ich bin mit Ende 50 auch schon alt und nähere mich langsam dem Greisenalter. Aber noch bin ich empfänglich für diese Eindrücke der Vergänglichkeit, die häßlich ist und es auch bleibt – trotz aller politischen, psychologischen und soziologischen Interpretierereien und Verherrlichungen des Alters.

Nein, die Gruppe der Senioren ist in vielfacher Hinsicht eben keine heterogene Gruppe, wie Altersforscher und Seniorenmarketingexperten gerne hervorkehren. Hässlich sind sie, stellen Ansprüche, sind vergesslich und nur auf sich selbst bezogen. Zwar sind sie wohlhabend, geben davon aber nichts ab. Die, die ihnen hier die erste Klasse finanzieren, dürfen dicht gedrängt in der zweiten Klasse fahren, sollen ihnen auch noch bei Koffertragen helfen, während die Alten sich zum Dank über Kindergeplärre beschweren.

Tja, dieser Text ist nicht höflich. Aber ich sollte ihn mir alle fünd Jahre neu durchlesen, um nicht zu dem zu werden, was ich in der ersten Klasse im Zug zwischen M. und K. sah, auf dem Weg nach B.